Unter kontrollierten klimatischen Bedingungen und mit hohem Energieaufwand wachsen die sogenannten Microgreens heran (Fotos: Désirée Thorn)
06.04.2020
Ernährung der Zukunft

Gemüse aus dem Brutkasten

Stoffmatten statt Erde und LEDs statt Sonnenlicht: Bei der Münchner Firma Agrilution wachsen Salat, Kräuter und Gemüse unter ziemlich sterilen Bedingungen - mitten in der Stadt. Ist das unsere Zukunft? Von Désirée Thorn

Kein Feld, kein Grün, kein Hof. Stattdessen ein blitzblankes Neubaugebiet, moderne Betonbauten. Und doch sollen hier im Münchner Westen nicht nur Häuser, sondern auch Pflanzen wachsen. Im Freien sucht man die vergeblich. Stattdessen sprießt es dort, wo eigentlich die ungünstigsten Bedingungen für jedwedes Grünzeug herrschen: im schummrigen Keller eines Neubaus.

In Glaskästen, die Weinkühlschränken ähneln, züchtet das Start-up Agrilution Salate, Kräuter und Microgreens wie Brokkoli- oder Radiesschenkresse. Und zwar in mehreren Stockwerken übereinander. Das junge Unternehmen will das Prinzip der vertikalen Landwirtschaft, das sogenannte Vertical Farming, zu seinen Kunden nach Hause bringen: Möglichst viel Pflanzenbau auf möglichst wenig Fläche. In einem der Pflanzenbrutkästen, den Plantcubes, können gleichzeitig bis zu acht Pflanzensorten auf zwei Ebenen heranwachsen – mit All-inclusive-Versorgung. Licht, Klima und Bewässerung werden gesteuert, über eine Handy-App erfährt der Heimgärtner sogar wann sein Gemüse erntereif ist.

In einer Art Brutschränken wachsen Pflanzen steril heran

Was im ersten Moment nach einer netten Spielerei für Technikfreaks klingt, soll in Zukunft Weltprobleme lösen – zumindest wenn es nach Gründer Maximilian Lössl geht. Der Münchner wuchs in China auf und erlebte dort, wie knapp die Ressourcen in Ballungszentren werden können. "Unsere aktuellen Probleme gewinnen immer mehr an Relevanz: Klima, Biodiversität, Böden, Wasserverbrauch, immer mehr Menschen, die in Städte ziehen", sagt Lössl. "Aber wir haben jetzt noch die Chance, alles zum Guten zu wenden."

Die Idee der vertikalen Landwirtschaft faszinierte ihn schon früh, er nahm Kontakt zum US-amerikanischen Vertical-Farming-Pionier Dickson Despommier auf. Lössl war begeistert von dessen Vision: Beete in Regalen übereinander gestapelt wie die Waren in einem Baumarkt, Großfarmen auf kleinstem Raum mitten in den Megacitys. Maximilian Lössl und sein Freund Philipp Wagner fingen ein paar Nummern kleiner an: Noch während des Studiums gründen sie 2013 die Firma Agrilution.

Das Gemüse wächst bei Agrilution auf recycelten Stoffmatten

In ihrer Firmenzentrale in München gibt es keine 33 Meter hohen Gemüsegärten, der Besucher kommt zunächst in ein ganz normales Büro. Doch im Keller, im Labor von Agrilution, finden sich 20 Pflanzschränke, teilweise übereinandergestapelt. Ein paar von ihnen sind leer, in anderen sieht man ein paar Keimlinge, und in wieder anderen steckt ein richtiger Dschungel.

Wachsen unter Laborbedingungen

"Indem wir Licht, Klima und Bewässerung optimieren, können wir der Pflanze all das bieten, was sie braucht, um bestmöglich zu wachsen", erklärt Maximilian Lössl. In dem Kasten leuchten violette LEDs, die weißen Behälter, in denen die Pflanzen wachsen, sind ziemlich flach, und wo ist überhaupt die Erde?

Die gibt's im Plantcube nicht. Stattdessen wachsen Gemüse und Kräuter auf Stoffmatten, recycelt aus Woll- und Baumwollresten. In die wird auch gleich die Saat eingearbeitet. "Salat nach dem Nespresso-Prinzip", beschreibt es die Zeitschrift "Wirtschaftswoche". Wenn eine Matte abgeerntet ist, wird sie entsorgt und eine neue an ihre Stelle gelegt. Alles Weitere übernimmt der Plantcube.

Das Klima wird über Sensoren kontrolliert, die Temperatur wird exakt gehalten. Die Wasserversorgung funktioniert über einen geschlossenen Kreislauf – in etwa so wie bei asiatischen Reisterrassen. Das ist weitaus sparsamer, als man zunächst denkt. 120 Liter Wasser verbraucht der Plantcube im Jahr. "Eine einzige Dusche am Morgen verbraucht mehr", sagt Lössl. Der integrierte Tank muss in etwa alle zwei Monate gereinigt und aufgefüllt werden. Bis zu zwölfmal täglich werden die Pflanzen dann mit Flüssigkeit versorgt - und so auch gleichzeitig mit darin gelösten Nährstoffen. Wann die aufgefüllt werden müssen, sagt dem Hobbygärtner ebenfalls die Handy-App. Der Plantcube braucht also eine dauerhafte Internetverbindung. Und noch viel wichtiger: Strom. Ein Kasten hat etwa den gleichen Energiebedarf wie ein Computer.

Was ist Natur?

Aber bei all den ausgeklügelten Optimierungsverfahren: Wie viel Natur steckt da überhaupt noch im eigentlichen Produkt? "Die Frage ist: Was ist Natur? Landwirtschaft hat nichts mit Natur zu tun", sagt Lössl. "Die Natur ist super wild und biodivers. Das ist vor Tausenden Jahren verlorengegangen." Gemüse und Kräuter aus dem Plantcube seien komplett naturbelassen: ohne Pestizide, Schwermetalle, Hormone, Gentechnik oder ähnliches. Da sie unmittelbar vor dem Verzehr geerntet werden können, seien sie zudem geschmacksintensiver. Außerdem arbeite man mit Sorten, die sich gegenseitig unterstützen. Und: "Was wir ermöglichen können, ist, dass wir keine Monokulturen mehr brauchen."

Association for Vertical Farming

Maximilian Lössl und Philipp Wagner haben 2013 nicht nur ihre eigene Firma gegründet, sondern auch die Association for Vertical Farming. Die Nonprofit-Organisation will das nachhaltige Wachstum von Vertical Farming fördern. Die Technologie soll international bekannter, und die Akteure sollen vernetzt werden. Die Organisation arbeitet nicht nur mit Wissenschaftlern und Unternehmen, sondern auch mit Regierungen zusammen. So wurden von der EU und auch von Deutschland bereits Fördertöpfe im höheren Millionenbereich bereitgestellt. Inzwischen leitet Maximilian Lössls Mutter, Christine Zimmermann, die Association for Vertical Farming.

Lössl denkt weiterhin groß. Auch wenn er mit seinem Premiumprodukt vorerst nicht die Welt retten kann. "Langfristig ist es unser Ziel, die Technologie für die breite Masse zugänglich zu machen. Wir machen das nicht, um schnell Geld zu verdienen und nach ein paar Jahren als Millionäre auszusteigen, sondern wir wollen was bewegen." Er vergleicht die Entwicklung seiner Firma mit der Tesla-Story. "Es ist wie bei jeder neuen Technologie. Am Anfang ist sie eher teurer und wird dann über die Zeit günstiger. So ist es bei uns auch."

2979 Euro kostet der Plantcube zurzeit noch. Hinzu kommen die Kosten für Strom und Nährstofflösungen. Der auf Dauer größte Kostenpunkt sind jedoch die Saatmatten. Zwischen 3,90 und 4,90 Euro zahlt der Kunde für eine Saatmatte im DinA4-Format. Daraus entstehen zum Beispiel ungefähr vier Portionen Salat. "Wenn man die Ernte mit Produkten aus Biosupermärkten vergleicht, sind wir heute schon konkurrenzfähig", sagt Lössl.

Explodierende Kosten

Agrilution forscht indes an neuen Lösungen: Früchtetragende Pflanzen wie Erdbeeren, Tomaten oder Paprika sollen schon bald in den Plantcubes wachsen. Sogar Wurzelgemüse wurde schon in den Brutkästen gezüchtet.

Samen für Kresse, Radieschen und Co. kommen auf Saatbändern daher

Geht es um größere Vertical Farms sind die Kosten der Knackpunkt. In vielen Pilotprojekten hat sich das Konzept nicht gerechnet. Gerade bei Erzeugnissen, die länger zum Wachsen brauchen, schießen die Preise in die Höhe. Auch Agrilution hatte zeitweise finanzielle Probleme, musste im September 2019 sogar einen Insolvenzantrag stellen und wurde daraufhin vom Haushaltsgerätehersteller Miele übernommen. Trotzdem ist Lössl davon überzeugt, dass sich große Vertical Farms vor allem in Metropolen rechnen können. "Wenn man sich die ganze Nahrungsmittelindustrie anschaut, ist Vertical Farming natürlich noch ein winziger Teil davon, aber es ist der Teil, der die anderen Bereiche zur Innovation bewegt."

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